Das gefährliche Spiel des Lebens

Das Risiko ist die wichtigste Triebfeder unserer Gesellschaft. Es spornt uns an, zu erfinden, zu forschen und uns zu bilden. Allerdings vergessen wir oft die Kehrseite: Wir haben verlernt, uns vor dem Alltag zu fürchten.

Wenn tausend tote Fische in der Donau treiben und niemand darüber berichtet, dann gibt es auch keine Umweltkatastrophe“, antwortete der berühmte deutsche Soziologe Niklas Luhmann auf die Frage, was heute noch riskant sei. Damit spielte er darauf an, dass Gefahren nur dann wahrgenommen werden, wenn sie uns subjektiv betreffen. Die Fragen, welche Umstände für das Fischsterben verantwortlich sind und wer für die Katastrophe zur Rechenschaft gezogen werden muss, stellen sich nur, wenn die Medien und damit die breite Öffentlichkeit über den Vorfall Bescheid wissen.

So ähnlich verhält es sich auch mit uns Menschen und unserer eigenen Einschätzung von Risiken. Solange sich kein Bekannter ein Bein gebrochen hat, nachdem er beim Ausmalen des Wohnzimmers von einer Leiter gestürzt ist, sorgt sich niemand wegen eines eigenen Sturzes. Solange niemand im direkten Umfeld an Lungenkrebs gestorben ist, wird weitergepafft. Das Risiko ist zwar ein ständiger Begleiter, der allerdings nur schemenhaft auftritt. Als kausale Folge, die immer nur den anderen passiert. Was uns betrifft: Wird schon schiefgehen

 

Schutz des Lebens kommt zu kurz.

Dieses Gedankenspiel lässt sich mit Zahlen untermauern. 95 Prozent der österreichischen Haushalte sind gegen Einbruch, Diebstahl oder Umweltschäden versichert, aber weniger als die Hälfte der Österreicher haben eine private Unfallversicherung. Insgesamt sind es nur zwei Drittel der Bevölkerung, die sich selbst gegen ein lebensveränderndes Ereignis absichern. Besonders schwer wiegt der Umstand, dass sich nur sieben Prozent der Berufstätigen gegen den Fall absichern, dass sie ihren Job nicht mehr ausüben können. „In Österreich herrscht die Wahrnehmung vor, dass eine zusätzliche private Absicherung eher etwas mit dem Komfort im Spital zu tun hat, in dem man nach einem Leistenbruch logiert“, sagt Alexander Zeh vom Marktforschungsinstitut GfK.

Sicher, die medizinische Versorgung in der Alpenrepublik ist weltweit eine der besten, allerdings kann es zu üblen Überraschungen kommen, wenn der Versicherer das „allgemeine Lebensrisiko“ ins Felde führt. So geschehen bei einem Paar, das im Urlaub an einem Privatstrand des Hotels ausgeraubt und der Mann dabei lebensgefährlich verletzt wurde. Das Hotel klagte, nach dem die Witwe Schadensersatzforderungen gestellt hatte, und es bekam Recht. Das Risiko, überfallen zu werden, gehört zum Leben dazu.

Die Lust auf goldene Zeiten.

„Risicare“ – der lateinische Wortstamm hat seinen Ursprung im Altgriechischen und bedeutete in etwa so viel wie „Klippe“. Kaufleute benutzten den Begriff, wenn sie durch eine enge Klippe segeln mussten, um in einem Hafen Handel betreiben zu können. Der Ausblick auf ein gutes Geschäft, ließ sie das Risiko in Kauf nehmen. Genauso doppeldeutig, janusköpfig ist der Begriff noch heute belegt. Etwas zu riskieren, bedeutet immer noch, einen Verlust in Kauf zu nehmen, um etwas Gewinnbringendes zu erhalten. Den Sicherheitsgurt für den besonderen Kick auf der Autobahn nicht anzulegen, den Job für eine ungewisse, aber verheißungsvolle Zukunft zu opfern, den Partner für das noch unbekannte Glück zu verlassen. „Dieser Dualismus ist eng mit dem menschlichen Charakter verknüpft“, sagt der emeritierte Wiener Risikoforscher Wolfgang Kromp. „In uns allem steckt das Gute und das Schlechte. Die Möglichkeit, die richtige oder die falsche Entscheidung zu treffen“, so der Risikoforscher. Er führt den Drang des modernen Menschen, außerordentliche Risiken einzugehen, auf unser genetisches Rüstzeug zurück, das uns in der Steinzeit mit auf den Weg gegeben wurde. „Damals war es von überlebenswichtiger Bedeutung, ein Risiko einzugehen. Wenn Jäger in einem unbekannten Gebiet ein Tier erlegt hatten und sich vor den damals stärkeren Kräften wie Tigern oder Hyänen nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten, spielten sie mit ihrem Leben. Wir modernen Menschen jagen heute Ersatzobjekte. Sex, Geld und Ruhm sind die Beutetiere der Moderne.“

 

Wir janusköpfige Wesen.

So hat die Gefahr für Leib und Leben in einer Gesellschaft, in der die grundlegenden Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Obdach längst über die Massen gestillt sind, ihren Charakter verändert. Aus der Lebensgefahr wurde das deutlich positiver besetzte Risiko, das oft in Fortschritt, etwa durch bahnbrechende Erfindungen, mündet. Und der soziale, moralische oder technische Fortschritt selbst – man denke an Menschenrechte oder die Erfindung des Computers – hat das alleinige Ziel, die Lebensgefahren einzudämmen und zur Daseinserleichterung beizutragen.

Doch auch im Fortschritt zeigt sich die Doppelbödigkeit des menschlichen Charakters. „Betrachten wir die Beherrschung des Feuers. Plötzlich konnten unsere Vorfahren ihre Höhlen beheizen, kochen und bessere Strategien auf der Jagd entwickeln, allerdings auch die Behausungen unliebsamer Nachbarn in Brand stecken“, so Kromp. So verhält es sich bis in die Gegenwart hinein. Die fortschreitende Digitalisierung bringt uns die Welt ins Wohnzimmer, liefert uns aber auch an die Maschinen aus und macht uns permanent von der Versorgung mit Strom abhängig.

„Die Gesellschaft ist nichts anderes als eine umfassende Versicherung gegen die Risiken, die sie durch ihre eigene Entwicklung verursacht“, schrieb der französische Philosoph François Ewald. Die persönliche Gefahr wandelt sich im Lauf der Jahrhunderte zu einem Überbleibsel, dem schleichenden Risiko – der Zigarette oder der Raserei auf der Autobahn. Während wir uns dieser Risiken noch bewusst sind, blenden wir andere vollkommen aus – etwa die Gefahr eines flächendeckenden Stromausfalls. Wenn morgen in Westeuropa oder Nordamerika der Strom auch nur für zwei Wochen ausfällt, wären wir danach wieder im Mittelalter. Der Handel würde zum Erliegen kommen, Nahrung in der Dimension von Megatonnen vergammeln, Nachbarn für Essen oder sauberes Wasser übereinander herfallen.

Der Soziologe Ulrich Beck, dessen Buch „Risikogesellschaft“ in 35 Sprachen übersetzt wurde, sieht uns in einer Gemeinschaft leben, deren größte Gefahr darin besteht, von sich selbst in Gefahr gebracht zu werden. Atomkriege, künstliche Intelligenz, Ressourcenraubbau und die Forschung an biologischen Waffen sind nicht nur für ihn, sondern auch für das Universalgenie Steven Hawking, die gewaltigsten Gefahren für die Menschheit. Beck präzisiert diese düsteren Wolken als Abkehr von den gewöhnlichen Sicherheitsmechanismen, die unsere Gesellschaft am Überleben halten – Entgrenzung, Unkontrollierbarkeit, Nichtkompensierbarkeit und Nichtwissen.
„Wir haben uns eine Gesellschaft geschaffen, die alles just in time konsumiert und keinen Bezug mehr zu den wirklichen Lebensrisiken hat. Das Frühstück wird beim Bäcker um die Ecke gekauft, frisches Wasser kommt wie selbstverständlich aus der Wasserleitung, und Schutz findet jeder in der eigenen Wohnung. Wir leben in der Illusion, dass wir sicher sind“, so Kromp.

Die Angst ums eigene Leben wird auf eine Metaebene verfrachtet, die meist in weiter Zukunft angesiedelt ist und sich eher um den Verlust unseres materiellen Wohlstands sorgt als um unsere körperliche Unversehrtheit: Asylanten, die Jobs und Geschlechtspartner streitig machen, düstere Pläne einer mysteriösen Elite, die die gesamte Welt unterjochen will, Außerirdische, Chemtrails und Terroristen. Aber, dass ein Sturz von der Leiter oder der tägliche Weg in die Arbeit mit dem Auto die statistisch viel realistischeren Gefahren für das eigene Wohlergehen sind, blendet der moderne Mensch aus. So sind wir nun mal.

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